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Pharma, Profit & Politik 1/5: Südafrika

Aufstand gegen unbezahlbare Brustkrebsmedikamente

Extrem hohe Medikamentenpreise sind ein globales Problem, das lebensnotwendige Medikamente für Millionen Menschen weltweit unerschwinglich macht. Als Reaktion darauf haben sich verschiedene zivilgesellschaftliche Initiativen für besseren Zugang zu essentiellen Medikamenten formiert. Eine davon ist die Kampagne #RocheGreedKills in Südafrika, die sich für erschwingliche Brustkrebsmedikamente einsetzt. Doch die Pharmalobby bekämpft vehement jegliche Reform.

#RocheGreedKills («Roches Gier tötet»): Dies ist das Motto einer Kampagne, die 2016 in Südafrika von einer Allianz aus 31 Organisationen, Patientengruppen und Gesundheitsfachleuten gestartet wurde. Die Kampagne trägt den Namen «Tobeka Daki Campaign» – in Erinnerung an eine Brustkrebspatientin, die sterben musste, weil sie sich die nötige Behandlung nicht leisten konnte. Die Kampagne fordert, dass in Zukunft keine Brustkrebspatientin mehr aus Kostengründen auf eine Behandlung verzichten muss.

Im Visier ist das Medikament Herceptin der Firma Roche, das zur Behandlung von HER2-positivem Brustkrebs angewandt wird. Eine einjährige Herceptin-Therapie kostet im privaten Sektor rund 40 000 Schweizer Franken. Das ist etwa das Fünffache des durchschnittlichen jährlichen Haushaltseinkommens in Südafrika, einem Land, in dem 80 Prozent der Bevölkerung nicht krankenversichert sind. Für die Ärmsten gibt es zwar in der Theorie eine kostenlose, vom Staat subventionierte Behandlung mit Herceptin. Doch wegen des hohen Preises des Medikaments bieten nur sehr wenige öffentliche Kliniken und Krankenhäuser diese Möglichkeit an. Die allermeisten nicht versicherten Patientinnen müssen Herceptin aus eigener Tasche bezahlen. Tobeka Daki hatte das Geld dafür nicht – und bekam keine Chance.


«Überhöhter und diskriminierender Preis»

Der Verein Actares (AktionärInnen für nachhaltiges Wirtschaften) hat diese Situation im März 2017 an der Generalversammlung von Roche in Basel angeprangert. Der Roche-Verwaltungsratspräsident Christoph Franz räumte daraufhin zwar ein, dass es ein Zugangsproblem zu Herceptin gebe, stellte jedoch eine Lösung in Aussicht: Mit der südafrikanischen Regierung werde derzeit ein «vorteilhafes Abkommen zum Wohl aller Patientinnen und Patienten» ausgehandelt. Ein gutes Jahr später fehlt von einer solchen Vereinbarung nach wie vor jede Spur.

Im Juni 2017 kündigte dagegen die südafrikanische Wettbewerbskommission an, die Preise für Krebsmedikamente von drei Pharmaunternehmen zu überprüfen. Unter den Konzernen ist auch Roche – wegen des «überhöhten und diskriminierenden» Preises von Herceptin und wegen der Firmenpraktiken zur Konsolidierung seiner «dominierenden Marktposition für Brustkrebsmedikamente». Die Untersuchung ist noch im Gange.


Recht auf Gesundheit in Gefahr

Eine neue Kampagne der breiten Koalition «Cancer Alliance», die im Februar 2018 lanciert worden ist, fordert eine Reform der Patentpolitik, da der Patentschutz zu Problemen beim Zugang zu Krebsbehandlungen führe. Insbesondere fordert die «Cancer Alliance» die südafrikanische Regierung auf, die Kriterien für die Erteilung von Patenten zu verschärfen, die im Vergleich zu anderen Schwellenländern als viel zu lasch angesehen werden. Die Regierung solle auch die im TRIPS-Abkommen (Übereinkommen über handelsbezogene Aspekte der Rechte des geistigen Eigentums) vorgesehenen Flexibilitäten – wie etwa die Möglichkeit der Zwangslizenz – besser ausnutzen. Eine kürzlich durchgeführte detaillierte Analyse des Einflusses des Patentschutzes auf die Zugänglichkeit von 24 lebensrettenden Krebsmedikamenten kommt zu einem glasklaren Fazit: Das derzeitige patentfreundliche System begünstigt die Monopole der grossen Pharmakonzerne, was zu teuren Behandlungen führt – zulasten der verfassungsrechtlichen Verpflichtung Südafrikas, das Recht auf Gesundheit seiner Bevölkerung zu fördern und zu schützen.


Folgenloser «Pharmagate»

Doch die grossen Pharmakonzerne legen sich kräftig dafür ins Zeug, jegliche Reform zu verhindern, die die Nutzung der TRIPS-Flexibilitäten in Südafrika erleichtern könnte – in erster Linie über ihre Dachorganisation IPASA (Innovative Pharmaceutical Association South Africa), zu der auch die Schweizer Roche und Novartis gehören. Die aggressive Lobbyarbeit der Dachorganisation wurde Anfang 2014 im sogenannten «Pharmagate» ans Licht gebracht, als ein vertrauliches Dokument einer von IPASA beauftragten PR-Agentur an die Öffentlichkeit gelangte. Darin sind akribisch die einzelnen Etappen einer Kampagne im Wert von einer halben Million Dollar beschrieben, mit der die Pharmaindustrie jeglichen Versuch einer Lockerung des Patentsystems in Südafrika unterbinden wollte. Angesichts des Skandals hatte sich Novartis sofort von dem vorgeschlagenen Konzept der Agentur distanziert, und Roche hatte sogar angekündigt, sich aus dem Dachverband zurückziehen zu wollen. Vier Jahre später ist Roche jedoch immer noch Vollmitglied der IPASA (zumindest steht es so auf deren Website) – und die Reform der Patentpolitik in Südafrika ist nach wie vor nicht abgeschlossen.

>> Teil 2/5: "Pharma, Profit & Politik: Indien"


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Über den Artikel

Dieser Artikel erschien in der Sonderausgabe des Public Eye Magazin "Stoppt die kranken Medikamentenpreise!". Bestellen Sie unser Probe-Abo und erhalten Sie die nächsten drei Ausgaben unseres Magazins unverbindlich direkt nach Hause geschickt. Oder werden Sie Mitglied und erhalten Sie 5x jährlich das Public Eye Magazin mit exklusiven Geschichten, scharfen Analysen und mutigen Reportagen.

 

Kampagne für bezahlbare Medikamente

Weltweit haben mehr als 2 Milliarden Menschen keinen Zugang zu essentiellen Medikamenten. Dieses Problem betrifft nicht nur Entwicklungsländer, sondern auch reiche Länder wie die Schweiz. Die Ursache: Die Explosion der Medikamentenpreise. Dank Patenten können die Pharmaunternehmen die Preise nach Belieben festlegen, Regierungsbemühungen sind zahnlos. Doch es existiert ein effizientes Mittel: Mit dem Erlass einer Zwangslizenz kann ein Staat den Verkauf von günstigeren Generika erlauben und damit den Zugang zu Medikamenten gewährleisten. Public Eye hat die Situation in der Schweiz analysiert und eine Sammelbeschwerde an den Bundesrat lanciert, mit der Forderung, sich für bezahlbare Medikamente einzusetzen.