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Pharma, Profit & Politik 2/5: Indien

Die "Apotheke der Armen" gegen die reiche Roche

Aufgrund seiner Generika-Industrie ist Indien bekannt als die „Apotheke der Armen“ – trotzdem haben unzählige Inderinnen und Inder keinen Zugang zu lebensnotwendigen Medikamenten. Doch der Druck aus der Zivilgesellschaft zeigt Wirkung: Erst kam eine günstigere Alternative zum Roche-Blockbuster Herceptin auf den Markt, nun gerät das nächste hochpreisige Roche-Medikament in den Fokus.

Im November 2012 bekam der damalige indische Premierminister Manmohan Singh einen Brief, unterschrieben von Brustkrebspatientinnen und Organisationen, die für den Zugang zu Medikamenten kämpfen. Ihre Bitte: Er solle die Produktion eines Biogenerikas, also eines biotechnologisch hergestellten Nachahmerpräparats des Medikaments Trastuzumab (Markenname Herceptin) anvisieren. Die «Campaign for Affordable Trastuzumab» war geboren.

Die Patentinhaberin Roche hatte das Produkt erst für umgerechnet rund 2000 und später für etwa 1500 Schweizer Franken pro 440-mg-Dosis verkauft  – was jährlichen Behandlungskosten von etwa 35 000 Franken entspricht. Das Pro-Kopf-Einkommen in Indien, wo jährlich rund 100 000 neue Fälle von Brustkrebs auftreten, beträgt gerade mal um die 1500 Franken pro Jahr. Drei von vier Personen sind nicht krankenversichert und müssen die Medikamente aus der eigenen Tasche bezahlen.

Missbrauch der Machtposition?

Im Januar 2013 stimmte die indische Regierung der Forderung der Kampagne zu und kündigte an, den Prozess für eine Zwangslizenz auf Herceptin anzustossen. Indien trotzte damit dem Druck der Industriestaaten, die das Land vehement aufgefordert hatten, das Vorgehen von 2012 nicht zu wiederholen: Damals hatte Indien die erste – und bis dahin einzige – Zwangslizenz erteilt, für ein Krebsmedikament des deutschen Unternehmens Bayer. Nun stellte sich die «Apotheke der Armen», wie Indien wegen seiner günstigere Generika produzierenden Industrie auch genannt wird, einmal mehr gegen die Interessen von «Big Pharma».


Im Oktober 2013 kündigte Roche unter dem Druck der Absichtserklärung Indiens an, sein noch bis 2014 gültiges Hauptpatent auf Herceptin in Indien aufzugeben – wohl mit dem Ziel, eine Zwangslizenz zu vermeiden. Dies ebnete den Weg zur Herstellung eines Biogenerikums von Trastuzumab durch die Unternehmen Biocon und Mylan. Nachdem die indischen Behörden die Marktzulassung erteilt hatten, unternahm Roche jedoch einiges, um die Vermarktung des Biogenerikums zu verhindern, das nur halb so viel wie das Original kostete. Erst 2017 wurde die Marktzulassung definitiv bestätigt und das Biogenerikum endgültig auf den Markt gebracht, allerdings unter restriktiven Bedingungen. Im April 2016 reichten Biocon und Mylan eine Beschwerde bei der indischen Wettbewerbskommission ein, in der sie Roche den Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung vorwarfen. Die Untersuchung läuft noch.

Nun Perjeta im Visier

Nachdem eine erschwinglichere Variante von Herceptin auf den Weg gebracht worden ist, liegt der Fokus in Indien nun auf Perjeta (Pertuzumab). Das Medikament kam im Oktober 2015 zum Preis von 249 000 Rupien, etwa 3650 Franken, pro 420-mg-Dosis auf den indischen Markt. Das bedeutet mehr als 65 000 Franken für eine jährliche Behandlung mit dem Medikament, dessen Patent noch bis 2027 gültig ist. Perjeta ist also der nächste Kassenschlager von Roche, der für den allergrössten Teil der indischen Bevölkerung nicht annähernd erschwinglich ist.

Roche hat zwar seit März 2015 unter dem Namen «The Blue Tree» ein Programm eingeleitet, mit dem indische Krebspatientinnen und -patienten unterstützt werden. Aber einerseits erreicht das Programm niemals all diejenigen, die es benötigen – bisher konnten 4000 Patientinnen und Patienten davon profitieren. Und andererseits müssen die Teilnehmenden die ersten sechs Dosen im Wert von fast 20 000 Franken selbst mitfinanzieren, bevor sie den Rest der Therapie gratis erhalten. Ob es in Indien bald auch eine «Campaign for Affordable Pertuzumab» geben wird?

>> Teil 3/5: "Pharma, Profit & Politik: Schottland"


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Über den Artikel

Dieser Artikel erschien in der Sonderausgabe des Public Eye Magazin "Stoppt die kranken Medikamentenpreise!". Bestellen Sie unser Probe-Abo und erhalten Sie die nächsten drei Ausgaben unseres Magazins unverbindlich direkt nach Hause geschickt. Oder werden Sie Mitglied und erhalten Sie 5x jährlich das Public Eye Magazin mit exklusiven Geschichten, scharfen Analysen und mutigen Reportagen.

 

Kampagne für bezahlbare Medikamente

Weltweit haben mehr als 2 Milliarden Menschen keinen Zugang zu essentiellen Medikamenten. Dieses Problem betrifft nicht nur Entwicklungsländer, sondern auch reiche Länder wie die Schweiz. Die Ursache: Die Explosion der Medikamentenpreise. Dank Patenten können die Pharmaunternehmen die Preise nach Belieben festlegen, Regierungsbemühungen sind zahnlos. Doch es existiert ein effizientes Mittel: Mit dem Erlass einer Zwangslizenz kann ein Staat den Verkauf von günstigeren Generika erlauben und damit den Zugang zu Medikamenten gewährleisten. Public Eye hat die Situation in der Schweiz analysiert und eine Sammelbeschwerde an den Bundesrat lanciert, mit der Forderung, sich für bezahlbare Medikamente einzusetzen.