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Pharma, Profit & Politik 4/5: Schweiz

Preise, die sich selbst die reiche Schweiz nicht leisten kann

Auch in der Schweiz werden die extrem hohen Medikamentenpreise zunehmend zur Herausforderung für das Gesundheitssystem. Bereits heute wird die Vergütung besonders teurer Medikamente an gewisse Vorbedingungen geknüpft, sprich: sie werden rationiert. Allein die Behandlung von neu an Krebs erkrankten Menschen kostet schätzungsweise vier Milliarden Franken pro Jahr – was sich auch die Schweiz auf Dauer nicht leisten kann.


Sogar das Gesundheitssystem der Schweiz kommt angesichts jenseitiger Medikamentenpreise an seine Grenzen. Bei der Behandlung von Hepatitis C wurden Kranken bereits Medikamente aufgrund ihres Preises vorenthalten. Bei Krebserkrankungen droht dasselbe.

In der Schweiz ist Krebs die häufigste Todesursache bei 45- bis 84-jährigen Männern und bei 52- bis 84-jährigen Frauen. Laut einem 2015 erschienenen Bericht des Bundesamts für Statistik wird bei vier von zehn Schweizerinnen und Schweizern im Laufe ihres Lebens eine Krebserkrankung diagnostiziert. Gemäss der Krebsliga Schweiz betreffen die häufigsten Neuerkrankungen Brust- und Prostatakrebs (28 beziehungsweise 32 Prozent), während bei den Männern Lungenkrebs (22 Prozent) und bei den Frauen Brustkrebs (19 Prozent) für die meisten Todesfälle verantwortlich sind. Schweizweit sterben jährlich 16 000 Menschen an einer Krebserkrankung. An Krebs zu erkranken, ist für jede Betroffene und jeden Betroffenen ein Schicksalsschlag. Aber auch für die Gesundheitssysteme als Gesamtes wird die Behandlung von Krebserkrankung zu einer untragbaren Last.

Vier Milliarden für Neuerkrankte

Im Jahr 2016 machten die Kosten für Medikamente in der Schweiz über 20 Prozent der Ausgaben der obligatorischen Krankenpflegeversicherung aus – und darin sind die in Spitälern sowie in Alters- und Pflegeheimen stationär verabreichten Medikamente noch nicht eingerechnet. Das sind über 6,5 Milliarden Franken. Der Kostenanteil der Krebsmittel wächst dabei aufgrund ihrer steigenden Preise konstant.


Gemäss der Krebsliga Schweiz gibt es in der Schweiz jährlich 40 000 neue Krebserkrankungen. Geht man davon aus, dass eine Behandlung im Durchschnitt jährlich 100 000 Franken kostet – manche mehr, andere weniger – belaufen sich die Gesamtkosten für die Behandlung der neu an Krebs Erkrankten in der Schweiz auf geschätzte vier Milliarden Franken. Und bei dieser einfachen Berechnung sind weder jene Patientinnen und Patienten berücksichtigt, die schon länger in Behandlung sind, noch all jene, die an anderen Krankheiten erkrankt sind. Vier Milliarden alleine für die Menschen, die neu an Krebs erkranken. Es liegt auf der Hand: Selbst für die reiche Schweiz ist das eine wirtschaftlich – und damit auch politisch – nicht mehr tragbare Last.

In Indien auf Medikamentensuche

Die einfachste Lösung, um die Belastung des Gesundheitssystems zu senken, ist die: teure Medikamente nur noch einem Teil der Bevölkerung zur Verfügung zu stellen, sie zu rationieren. Zwischen 2014 und 2017 ist dies im Falle neuer Hepatitis-C-Medikamente wie dem bereits erwähnten Sovaldi geschehen: Das BAG entschied, dass die Krankenkassen die Behandlung vorerst nur bei Schwerkranken zu vergüten hatten. Alle anderen mussten sich gedulden, bis sie genügend krank werden würden. Jene, deren Leber noch zu intakt war, damit ihre Behandlung bezahlt worden wäre, die sich aber die mehreren zehntausend Franken nicht leisten konnten, welche die Medikamente hierzulande kosten, machten sich zum Teil nach Indien auf, um dort günstiger an die Präparate zu kommen.


Aus gesundheitspolitischer Sicht ergibt diese Entscheidung keinen Sinn: Je früher eine Krankheit behandelt wird, desto grösser die Heilungschancen. Nein, der Entscheid war einzig der Sorge geschuldet, die bereits explodierenden Gesundheitskosten nicht noch weiter ansteigen zu lassen. Wäre das BAG in der Lage gewesen, einen angemesseneren Preis auszuhandeln, wäre es nie zu diesem skandalösen Rationierungsentscheid gekommen. Erst letztes Jahr konnte die Behörde schliesslich mit den Medikamentenfirmen einen Kompromiss aushandeln, sodass nun wieder allen Hepatitis-C-Kranken die nötigen Medikamente vergütet werden.

Zahlreiche Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass Krebsmedikamente, bei denen es bereits heute zahlreiche Vergütungseinschränkungen gibt, als nächste rationiert werden dürften, wenn nichts gegen den Preisanstieg unternommen wird. Doch es gibt Wege, die Preisspirale nach oben zu bremsen, wie im Public Eye Magazin oder im Dossier zu Zwangslizenzen nachgelesen werden kann. 

>> Teil 4/5: "Pharma, Profit & Politik: Kolumbien"


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Über den Artikel

Dieser Artikel erschien in der Sonderausgabe des Public Eye Magazin "Stoppt die kranken Medikamentenpreise!". Bestellen Sie unser Probe-Abo und erhalten Sie die nächsten drei Ausgaben unseres Magazins unverbindlich direkt nach Hause geschickt. Oder werden Sie Mitglied und erhalten Sie 5x jährlich das Public Eye Magazin mit exklusiven Geschichten, scharfen Analysen und mutigen Reportagen.

 

Kampagne für bezahlbare Medikamente

Weltweit haben mehr als 2 Milliarden Menschen keinen Zugang zu essentiellen Medikamenten. Dieses Problem betrifft nicht nur Entwicklungsländer, sondern auch reiche Länder wie die Schweiz. Die Ursache: Die Explosion der Medikamentenpreise. Dank Patenten können die Pharmaunternehmen die Preise nach Belieben festlegen, Regierungsbemühungen sind zahnlos. Doch es existiert ein effizientes Mittel: Mit dem Erlass einer Zwangslizenz kann ein Staat den Verkauf von günstigeren Generika erlauben und damit den Zugang zu Medikamenten gewährleisten. Public Eye hat die Situation in der Schweiz analysiert und eine Sammelbeschwerde an den Bundesrat lanciert, mit der Forderung, sich für bezahlbare Medikamente einzusetzen.