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Pharma, Profit & Politik 5/5: Kolumbien

Powerplay gegen den Präzedenzfall

Kolumbien wollte das Mittel der Zwangslizenz einsetzen – um seiner Bevölkerung den Zugang zu einem Krebsmedikament von Novartis zu sichern. Ein Entscheid, der Signalwirkung gehabt hätte – was die Pharmabranche um jeden Preis verhindern wollte. Die Rekapitulation eines aufschlussreichen Kapitels schweizerischer Gesundheitsaussenpolitik.


Der Brief datiert vom Mittwoch, dem 8. Juni 2016. Der Empfänger: «His Excellency Juan Manuel Santos», der Präsident Kolumbiens. Verfasst worden ist das Schreiben in Basel; von Joseph Jimenez, dem damaligen CEO von Novartis. Jimenez hat sich an den Präsidenten gewandt, um seiner Enttäuschung Ausdruck zu verleihen, dass der Dialog seines Unternehmens mit dem kolumbianischen Gesundheitsministerium zu keiner Einigung geführt habe. Dabei habe man eine «Vielzahl von Angeboten» gemacht, sich zu «signifikanten finanziellen Verpflichtungen» bereit erklärt und im Gegenzug doch nur eines verlangt: dass die kolumbianische Regierung anerkenne, dass es in dieser «spezifischen Situation» keine Grundlage dafür gebe, das Leukämie- und Magen-Darm-Krebs-Medikament Glivec als von öffentlichem Interesse einzustufen. Nach kolumbianischem Recht ist dies der erste Schritt  auf dem Weg zur Erteilung einer Zwangslizenz – und damit zur Möglichkeit der Kommerzialisierung günstigerer Generika trotz bestehenden Patentschutzes. Das Ziel wäre es, den Preis wieder auf jenes Niveau zu senken, auf dem er bis 2012 lag, als Novartis nach langem Rechtsstreit ein Patent auf Glivec erhielt: rund 70 Prozent tiefer als heute. Das Sparpotenzial für Kolumbiens überlastetes Gesundheitsbudget: rund 15 Millionen US-Dollar pro Jahr.

Zwei Jahresgehälter pro Jahr

2016 wurde Glivec in Kolumbien zu einem Preis von ca. 15 000 CHF pro Person und Jahr vermarktet. Ein Mann wie Joseph Jimenez, der 2016 von Novartis für sein Wirken mit knapp 12 Millionen Franken entschädigt wurde, muss dafür knapp drei Stunden arbeiten. Für den durchschnittlich verdienenden Kolumbianer, die durchschnittlich verdienende Kolumbianerin dagegen sind es zwei Jahresgehälter. Für jene gut dreissig Prozent der Bevölkerung, die unter der Armutsgrenze leben, ist es mehr Geld, als sie je besitzen werden. Und das Medikament muss bis ans Lebensende eingenommen werden, um der Krankheit Einhalt zu gebieten. Kolumbien hatte von Novartis eine Halbierung des Preises verlangt, der Basler Multi hatte nicht eingelenkt. Er sei «zutiefst besorgt», schreibt Jimenez nun, dass die fehlgeschlagenen Verhandlungen «signifikante Konsequenzen» nicht nur für Patientinnen und Patienten in Kolumbien und weltweit, sondern auch für Kolumbiens Wirtschaft haben würden. Man habe Kolumbien und dessen «marktorientierte, wachstums- und innovationsfreundliche Politik» immer als ein Modell für Lateinamerika gesehen, schreibt Jimenez. Nun aber stehe Kolumbiens «wohlverdienter Ruf» als Staat, der sich an die Gesetze hält und die nötigen Anreize für Innovation schafft, auf dem Spiel.


 Ob sich Juan Manuel Santos die Zeit genommen hat, das Schreiben zu beantworten, wissen wir nicht. Gut möglich, dass er damals anderweitig beschäftigt war. Zwei Wochen darauf nämlich, am 22. Juni 2016, einigte sich seine Regierung mit der Farc-Guerilla auf einen Waffenstillstand; die Voraussetzung für den Friedensvertrag, für den Santos im Oktober darauf der Nobelpreis zugesprochen werden sollte. Wir werden noch darauf zurückkommen.

Drei schlechte Argumente

Am 26. April 2016 hatte das kolumbianische Gesundheitsministerium dem Antrag aus der Zivilgesellschaft  stattgegeben, den Zugang zu Glivec als «von öffentlichem Interesse» einzustufen. Im Interview mit dem kolumbianischen «W Radio» gab sich Gesundheitsminister Alejandro Gaviria selbstbewusst. Kolumbien sei bereit, einen neuerlichen Rechtsstreit zu führen, wenn es nötig sei. «Ich glaube, wir haben alle Mittel, um zu gewinnen», sagte er. «Wenn wir die Preise nicht regulieren, wenn wir keinen vernünftigen Wettbewerb garantieren (...), dann bricht unser Gesundheitssystem auseinander.» Dass Kolumbien der Pharmalobby die Stirn bot, war bemerkenswert: Denn Novartis und die offizielle Schweiz hatten zuvor wenig unversucht gelassen, um das Land davon abzubringen, diese legitime Entscheidung zu fällen.

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Über den Artikel

Autor: Timo Kollbrunner

Dieser Artikel erschien in der Sonderausgabe des Public Eye Magazin "Stoppt die kranken Medikamentenpreise!". Bestellen Sie unser Probe-Abo und erhalten Sie die nächsten drei Ausgaben unseres Magazins unverbindlich direkt nach Hause geschickt. Oder werden Sie Mitglied und erhalten Sie 5x jährlich das Public Eye Magazin mit exklusiven Geschichten, scharfen Analysen und mutigen Reportagen.

 

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