Korruption Mega-Öldeal in Gabun: Gunvor erneut im Visier der Schweizer Justiz

Gunvor wurde bereits zwei Mal wegen Korruption verurteilt. Wie Public Eye erfuhr, kam es nun Mitte Mai am Genfer Hauptsitz des Rohstoffhändlers zu einer Hausdurchsuchung, angeordnet durch die Bundesanwaltschaft. Der Grund: ein Verfahren gegen Unbekannt wegen Verdacht der Bestechung ausländischer Amtsträger. Im Zentrum steht ein Riesengeschäft im Erdölsektor, das 2024 unter zwielichtigen Bedingungen in Gabun zustande kam. Diese Recherche beleuchtet dessen Hintergründe und zeigt, dass offenbar eine parallele Vergütungsstruktur eingerichtet wurde, um Mittelsmänner diskret zu bezahlen. Diese sollten für Gunvor in Afrika Aufträge an Land ziehen.

In der Branche ist mittlerweile vom «neuen Gunvor» oder von «Gunvor 2.0» die Rede. Angespielt wird damit auf den tiefgreifenden Wandel, den der Genfer Rohstoffhändler im vergangenen Jahr durchgemacht hat. Rund fünfzehn Mitarbeitende verliessen die Firma, die Nummer zwei ging überraschend in Pension, die Teams wurden umstrukturiert. Und nebenbei versuchte man, die ausländischen Vermögenswerte des russischen Erdölkonzerns Lukoil zu übernehmen, was aber am Widerstand des US-Finanzministeriums scheiterte. Dieses hatte das auf Ölhandel spezialisierte Unternehmen als «Marionette des Kremls» bezeichnet. 2025 verlief also alles andere als ruhig für Gunvor. Im Dezember kam dann noch der Rücktritt von Konzernchef Torbjörn Törnqvist dazu. Der 72-jährige Gründer und Hauptaktionär verkaufte seine gesamten Anteile (86% des Kapitals) an eine Gruppe von Kaderleuten und wurde durch Gary Pedersen abgelöst. Dieser hat den Vorteil, die US-amerikanische Nationalität zu besitzen. 

Im neuen Kleid und mit Leichen im Keller 

Auf die zunehmenden Branchenspekulationen über die Zukunft von Gunvor reagierte die Kommunikationsabteilung Ende 2025 mit der Ankündigung eines notwendigen «Neustarts […] für ein Unternehmen, bei dem Fehlwahrnehmungen über dessen Vergangenheit zur untragbaren Belastung geworden» waren. Eine Anspielung auf die russische Vergangenheit von Gunvor und den anhaltenden Verdacht der Kreml-Nähe. Denn Törnqvist hatte Gunvor zusammen mit Gennadi Timtschenko gegründet, einem Vertrauten Wladimir Putins. Neben dem «Neustart» war denn auch die Rede von einem «Generationswechsel». 

Wie Public Eye rekonstruieren konnte, deckte sich dieser grosse «Reset» zeitlich mit einer schweren internen Krise: Es kamen heikle Details über den besonders undurchsichtigen Ölmarkt in Gabun ans Licht. Laut Informationen von Public Eye veranlasste dies die Bundesanwaltschaft Mitte Mai den Genfer Hauptsitz von Gunvor durchsuchen zu lassen. Die Bundesanwaltschaft bestätigte auf Anfrage, diese Durchsuchung «im Rahmen eines gegen Unbekannt eingeleiteten Strafverfahrens wegen des Verdachts der Bestechung ausländischer Amtsträger (Art. 322septies StGB)» im Zusammenhang mit Ölgeschäften in Afrika, insbesondere in Gabun, durchgeführt zu haben. 

Auf Anfrage antwortete Gunvor: «Wir können zu Ihren Behauptungen keine Stellung nehmen. Wir sind fest davon überzeugt, dass Sie die Informationen falsch interpretieren», und fügte hinzu, dass Gunvor im Rahmen einer «internen Untersuchung (…) keine Korruption oder Bestechung im Zusammenhang mit der Assala-Transaktion festgestellt hat». Diese soll unter «Einhaltung der strengsten Compliance-Standards» durchgeführt worden sein.

Diese neue Episode könnte katastrophal sein für den Konzern, der bereits zweimal wegen «Organisationsmängeln» im Zusammenhang mit Korruption verurteilt worden ist: ein erstes Mal 2019 in der Schweiz wegen Erdölgeschäften in Kongo-Brazzaville und Côte d’Ivoire, und dann nochmals im Jahr 2024 in der Schweiz, aber auch den USA wegen in Ecuador gezahlten Schmiergeldern. In diesem zweiten Fall willigte Gunvor in ein «Plea Agreement» (Vereinbarung mit Schuldeingeständnis) mit der US-Justiz ein. Damit verbunden war auch die Verpflichtung zur Umsetzung strenger Compliance-Verfahren. Bei Nichteinhaltung drohen neue Sanktionen. 

Milliardendarlehen in Gabun und Medaillenverleihung 

Im Juni 2024 gelang Gunvor das Kunststück, sich als strategischer Geschäftspartner des gabunischen Staates unter Präsident Brice Clotaire Oligui Nguema zu etablieren, der durch einen Putsch an die Macht gekommen war. Er hatte im August 2023 die Herrschaft der Familie Bongo beendet, die das Land über ein halbes Jahrhundert lang regiert hatte. Sein erklärtes Ziel war es, die «Kontrolle über die nationalen Ressourcen zurückzugewinnen». 

Einige Hintergründe dieses Megadeals im Erdölsektor hat der spezialisierte Online-Dienst Africa Intelligence bereits in einer zweiteiligen Reportage aufgedeckt. Public Eye konnte dieses Bild durch eigene Recherchen mit neuen Fakten untermauern und ergänzen. 

Gunvor hatte sich gegen die Konkurrenten Vitol und Trafigura durchgesetzt und der Gabon Oil Company (GOC) daraufhin ein Darlehen in Höhe von einer Milliarde US-Dollar gewährt. Damit konnte das gabunische Staatsunternehmen dem US-Fonds Carlyle die Vermögenswerte von Assala Energy abkaufen, einem der wichtigsten Ölproduzenten in Gabun. Die GOC sicherte sich damit die Kontrolle über die sechs Förderblöcke von Assala Energy mit einer Gesamtmenge von über 45’000 Barrel pro Tag, was 20 bis 25% der Landesproduktion entspricht. Als Gegenleistung für das über fünf Jahre rückzahlbare Darlehen erhielt Gunvor das exklusive Vertriebsrecht für dieses Rohöl. Das gleiche Recht wurde dem Rohstoffhändler auch für den Vertrieb jener Erdölbarrel zugesprochen, welche die GOC als Aktionärin aus anderen Ölfeldern bezieht (sog. «Cost Oil»). Der doppelte Jackpot!

Foto auf der Website von Assala Energy.

Der Vertrag zwischen Gunvor Middle East DMCC (Gunvors Filiale in Dubai) und dem Staatsunternehmen GOC sieht die Abnahme von mindestens 58 Millionen Barrel bis April 2029 vor, mit einer Marge von 0,10 US-Dollar pro Barrel, exklusive Transport- und Logistikkosten. Laut Africa Intelligence könnten Gunvors Gewinne, zusammen mit den Zinszahlungen für das Darlehen, innerhalb von fünf Jahren 200 bis 250 Millionen US-Dollar betragen. Angesichts der Preisexplosion beim Erdöl dürften sie sogar noch höher ausfallen. 

«Gunvor ist stolz darauf, von Gabun als Partner für diese strategische Akquisition ausgewählt worden zu sein», freute sich damals Stéphane Degenne, Co-Leiter des Handelsgeschäfts und Nummer zwei des Konzerns, der den Mega-Deal beaufsichtigt hatte. Sechs Tage später wurde er zusammen mit zwei weiteren Gunvor-Mitarbeitern von Präsident Oligui Nguema zum «Offizier des gabunischen Nationalen Verdienstordens» ernannt.

Ein Berater tritt ins Rampenlicht 

Die Begeisterung sollte jedoch jäh verfliegen. Am 16. Januar 2025 erhielt derselbe Stéphane Degenne eine E-Mail von Mohamed Dagdag mit dem Betreff «DRINGEND: Zahlungsaufforderung», mit Kopie an Marcellin Simba Ngabi, Generaldirektor der GOC. Public Eye konnte deren Inhalt einsehen: Der französisch-marokkanische Geschäftsmann beklagt sich über eine «beunruhigende Verzögerung bei der Begleichung der festen Honorare und Erfolgsprämien» im Zusammenhang mit seinem Auftrag. Dagdags Unternehmen Vakana Invest (Vakana) mit Sitz in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Marokko ist auf Anlageberatung spezialisiert. Es habe «eine entscheidende Rolle bei der Vermittlung der Finanzierung des Assala-Deals» gespielt und «als führende Beratungsfirma die politische Lobbyarbeit, strategisches Consulting und technische Vertretung gegenüber allen Beteiligten vereint». Mohamed Dagdag droht mit einer «gerichtlichen Klärung», sollte seine Forderung nach gütlicher Einigung unbeantwortet bleiben. Er weist darauf hin, dass er bereits mehrere Anwaltskanzleien eingeschaltet habe. 

In der E-Mail ist von einer «vorläufigen Meldung» die Rede, die bei den Gerichtsbehörden in Dubai (Dubai Court) eingereicht worden sei. Das auf Arabisch und Englisch verfasste Dokument, welches Public Eye ebenfalls einsehen konnte, besagt, dass Gunvor Mohamed Dagdag einen Betrag von 13,238 Millionen US-Dollar schulde. Ein Betrag, der sich heute einschliesslich Verzugszinsen auf über 16 Millionen belaufen würde.

Handelt es sich um einen Bluff, wie so oft bei grossen Erdöldeals, in deren Umfeld sich alle möglichen Abenteurer tummeln? Oder ist es der Beweis dafür, dass Gunvor trotz gegenteiliger Versprechen weiter auf Mittelsmänner setzt? 

Nulltoleranz! 

Ende 2020 hatte der Konzern mit anderen Rohstoffhändlern wie Trafigura und Glencore gleichgezogen und öffentlich erklärt, künftig auf Vermittler zu verzichten. Solche Mittelsmänner oder Berater sind bekannt dafür, dass sie gut informiert sind und teils Geschäftsabschlüsse ermöglichen können – manchmal mithilfe dubioser Mittel wie Schmiergeldzahlungen an staatliche Angestellte. Die Justizbehörden der Schweiz und der USA konnten nachweisen, dass Gunvor in Ecuador über zwei Erdölberater hochrangige Beamte bestochen hatte. Public Eye hat darüber berichtet

Die Medien hatten das Versprechen des ehemaligen Konzernchefs Torbjörn Törnqvist, der im Dezember 2025 zurückgetreten ist, vielfach wiedergegeben.

Damals kündigte CEO Torbjörn Törnqvist an, die «Lehren aus der Vergangenheit» zu ziehen und versprach, das Unternehmen werde künftig alles tun, um seine Compliance-Richtlinien nach dem «Nulltoleranz-Prinzip» umzusetzen. «Wenn wir dadurch Aufträge verlieren sollten, dann ist es eben so», fügte er grossmütig hinzu. 

Nach Informationen von Public Eye wurde dieser Grundsatz jedoch in Gabun nicht eingehalten. 

Organisator eines Treffens mit dem Präsidenten

Verschiedene Hinweise belegen, dass Mohamed Dagdag tatsächlich eine Vermittlerrolle bei der Vergabe des Auftrags in Gabun gespielt hat – zumindest in der Anfangsphase des Projekts. 

Wie Africa Intelligence aufgedeckt hat und Public Eye bestätigen konnte, war er es, der im Januar 2024 ein Abendessen in Paris organisierte: Eingeladen waren zwei Mitarbeiter von Gunvor, darunter Guillaume Letessier, der zu dieser Zeit für die Geschäftsentwicklung in Afrika zuständig und Direktor von Gunvor Middle East DMCC in Dubai war. Der Mann arbeitete unter der Leitung von Stéphane Degenne. Ziel war, den Gunvor-Leuten einen äusserst wertvollen Kontakt vorzustellen, nämlich den ehemaligen Vizepräsidenten von Gabun (2017 bis 2019) Pierre-Claver Maganga Moussavou, der damals über ein «Sondermandat» des Präsidenten zur Investorensuche verfügte. 

Zehn Tage später schickt die gabunische Präsidentschaft ein Einladungsschreiben an die beiden Gunvor-Leute, welche bei diesem Abendessen waren, sowie an eine dritte Mitarbeiterin des Konzerns. Darin heisst es: «Ihr Interesse an einer Partnerschaft für Investitionsprojekte in Gabun» sei «über Herrn Mohamed Mao Dagdag» an Präsident Oligui Nguema weitergeleitet worden. 

Am 15. Februar 2024 wird Guillaume Letessier im Präsidentenpalast empfangen, zusammen mit dem ehemaligen Vizepräsidenten Pierre-Claver Maganga Moussavou sowie Mohamed Dagdag. Der Gunvor-Vertreter folgt der Einladung seitens des Unternehmens allein, obwohl gemäss einer – damals noch informellen – Regel bei Gunvor solche Treffen mit politisch exponierten Personen (PEP) immer zu zweit stattfinden sollen. Das Gespräch dreht sich hauptsächlich um die Finanzierung des Kaufs der Vermögenswerte des Ölproduzenten Assala. Es ist aber auch von Strassenbauprojekten die Rede, die von Mohamed Dagdags Firma Vakana unterstützt werden sollen. 

Die gabunische Präsidentschaft zeigt sich zufrieden. Sie postet auf Social Media diverse Fotos zu diesem Treffen sowie ein Video auf YouTube, in dem der Gunvor-Manager eine kleine Ansprache hält. Verschiedene gabunische Medien berichten

Post auf der Linkedin-Seite der Präsidentschaft von Gabun.

Vier Tage später richtet sich der gabunische Präsident direkt an Gunvor-CEO Torbjörn Törnqvist: «Ich habe die Ehre, Sie für einen Aufenthalt vom 21. bis 25. Februar 2024 in Libreville einzuladen, um die Gespräche über Ihr Partnerschaftsangebot fortzusetzen», heisst es in diesem Schreiben, in dem erneut die Vermittlerrolle von Dagdag erwähnt wird. 

Dieses Treffen findet zwar nicht statt, mit dem Geschäftsabschluss geht es aber dennoch schnell voran. Laut Africa Intelligence verhandelte Gunvor mit GOC-Generaldirektor Marcellin Simba Ngabi und sicherte sich schliesslich den fantastischen Deal. 

War der französisch-marokkanische Berater noch bis zur Auszahlung des Milliardendarlehens im Juni 2024 mit von der Partie? Public Eye konnte diese Frage nicht klären. 

Ein lukrativer Dienstleistungsvertrag 

Sicher ist hingegen, dass sich Dagdag auf eine Rahmenvereinbarung («Framework Agreement») beruft, die am 14. Februar, also am Vorabend des Treffens mit dem Präsidenten, zwischen Gunvor Middle East DMCC und Vakana abgeschlossen worden sei. In diesem 12-Punkte-Vertrag, den Public Eye einsehen konnte, verpflichtet sich die Firma VAKANA Investment In Commercial Enterprises & Management C0. L.L.C. (vollständiger Name des Unternehmens), vertreten durch Mohamed Dagdag, Beratungsleistungen, Analysen und technische Unterstützung für das Assala-Projekt zu erbringen. Artikel 2 nennt eine Vergütungsspanne von 5100 bis 3400 US-Dollar pro Tag sowie, bei Abschluss des Geschäfts eine Erfolgsprämie von «1,25% (exkl. MWST) des Gesamtbetrags der in Öl- und Energieanlagen getätigten Investitionen». 

Gemäss der Vereinbarung kann Vakana für die Erbringung von Dienstleistungen auf Dritte (Subunternehmer) zurückgreifen. Zur Vergütung der Firma Vakana und ihrem Vertreter kann Gunvor andere Geschäftsstrukturen nutzen, hält der Vertrag weiter fest. Dieses System des «Drittzahlers» ist zwar nicht gesetzeswidrig, aber sehr intransparent. Das Dokument ist als «vertraulich» gekennzeichnet und trägt den Stempel von Gunvor Middle East DMCC sowie die Unterschrift seines damaligen Direktors, Guillaume Letessier. Es wird auch in der ein paar Monate später erfolgten Meldung an die Gerichtsbehörden in Dubai aufgeführt. 

Nach Informationen von Public Eye wurden Mohamed Dagdag und sein Unternehmen von Gunvor einem KYC-Verfahren unterzogen: KYC steht für «Know Your Customer» oder «Kundenidentifizierung». In einem von Public Eye eingesehenen E-Mail-Austausch vom 16. Februar 2024 bittet die zuständige Compliance-Person von Gunvor den französisch-marokkanischen Geschäftsmann eine Reihe von Unterlagen zu Vakana und dessen Aktivitäten zu schicken. Dagdag ist bei Gunvor kein Unbekannter, denn wie Public Eye in Erfahrung bringen konnte, hatte er das KYC-Verfahren bereits einige Monate zuvor durchlaufen. Dabei ging es um ein kleines Ölgeschäft in São Tomé, bei dem er involviert war, das jedoch nicht zustande kam. 

Vergütung über einen Seefrachtdienstleister 

Bald einmal stellt sich die Frage nach seinem Honorar. Per WhatsApp erwähnt Mohamed Dagdag am 9. Februar 2024 – also wenige Tage vor dem Treffen mit dem gabunischen Präsidenten – die Hotel- und Flugkosten, die seiner Firma Vakana für die Reise nach Libreville entstanden sind, sowie die «Repräsentationskosten für die Dienstreise (ich)». Die Nachricht ist an Gunvor-Mann Guillaume Letessier gerichtet. Dieser antwortet: «Schick mir eine Gesamtrechnung, ich werde das anderweitig begleichen lassen. Adresse: New Maritime DMCC».

Foto auf der Website der New Maritime Group.

New Maritime DMCC? Dieses seit 2017 in Dubai ansässige maritime Dienstleistungsunternehmen hatte sich 2015 ursprünglich in Genf niedergelassen, wo es nach wie vor seine Hauptniederlassung hat. Die in Händlerkreisen gut bekannte Gruppe bietet eine ganze Reihe von Services an: Überwachung des Anlegens von Frachtschiffen, Begleichung von Kai- und Hafengebühren sowie Unterstützung bei der Dokumentenverwaltung. Gemäss den Informationen von Public Eye arbeitet Gunvors Schifffahrtstochter namens Clearlake Shipping, die Tanker chartert, regelmässig mit New Maritime DMCC zusammen. Im April 2022 stellte der Seefrachtdienstleister beispielsweise eine Rechnung über mehr als 132 000 US-Dollar an Clearlake Tallin aus – für das Entladen eines Tankers mit Erdölprodukten im Hafen von Walvis Bay in Namibia und zahlbar auf deren UBS-Konto in Carouge in der Schweiz. Die Vergütung eines für Gunvor tätigen Beraters gehört jedoch augenscheinlich nicht zu den Aufgaben eines solchen Dienstleisters. 

Public Eye konnte eine Rechnung vom 22. Februar 2024 über einen Gesamtbetrag von 51 250 Euro einsehen, die Dagdags Firma Vakana an New Maritime DMCC geschickt hatte: 20 000 Euro für «Beratung und Strategie/Lobbying» und 22 750 Euro für «Flugreise, Transport, Taxi, Hotel», sowie 8500 Euro Mehrwertsteuer. Am 2. März folgte bereits die erste Mahnung dafür. 

Der Mittelsmann soll im Schatten bleiben 

Doch dann gerieten die Dinge offenbar ins Stocken. Wie Public Eye erfahren hat, sorgte sich die Compliance-Abteilung von Gunvor in Genf um mögliche Reputationsrisiken im Zusammenhang mit dem ersten Empfang im Präsidentenpalast vom Februar 2024. Es war nämlich nicht geplant, dass Informationen darüber an die Öffentlichkeit gelangen. Der Rohstoffhändler sei vor vollendete Tatsachen gestellt worden. Auf den Fotos sieht man Mohamed Dagdag, der dem Präsidenten die Hand reicht, während der Gunvor-Mitarbeiter etwas im Hintergrund steht. Das wirft Fragen auf.

Daher soll sich Gunvor abgesichert und den Mittelsmann gebeten haben, eine Verzichtserklärung zu unterzeichnen. Dies mit dem Versprechen, eine andere Zahlungslösung zu finden. Um ihn zu überzeugen, wurde angeblich das schlagkräftige US-Justizministerium (DOJ) ins Spiel gebracht: Dessen Durchgreifen sollte unbedingt vermieden werden, schliesslich hatte Gunvor bei seiner Verurteilung im Ecuador-Fall im März 2024 ein Schuldbekenntnis  (« plea bargain ») unterzeichnen und eine Strafe von über 661 Millionen US-Dollar zahlen müssen. Zudem hatte sich der Konzern verpflichtet, sein Compliance Programm sowie interne Kontrollen zu verstärken und dabei sicherzustellen, dass die 23 im Anhang C des Plea Bargain enthaltenen Punkte des «Corporate Compliance Program» respektiert werden. Zudem muss der Konzern drei Jahre lang jährlich  über Fortschritte in diesem Zusammenhang berichten. Bei Verstössen drohen Gunvor eine Verlängerung dieser Überwachungspflicht und im Wiederholungsfall gar neue Strafmassnahmen. 

In den 23 Punkte des Anhangs der Vereinbarung mit dem DOJ, die von Stéphane Degenne und Jean-Baptiste Leclercq, dem Leiter der Rechtsabteilung, unterzeichnet wurde, ist der Einsatz von «Vermittlern» oder «Geschäftspartnern» nicht verboten. Es braucht dafür jedoch, «sofern notwendig und angemessen», strenge Leitplanken wie regelmässige Schulungen, explizite Antikorruptionserklärungen und ­verpflichtungen in den Verträgen oder das Anrecht, «die Bücher und Aufzeichnungen des Vermittlers» zu prüfen. Nichts davon scheint im Fall Mohamed Dagdag umgesetzt worden zu sein. 

Dieser gibt schliesslich nach: Am 5. April 2024 bestätigt er in einem Schreiben an die Gunvor AG, das Public Eye in Kopie vorliegt, dass weder er noch sein Unternehmen Vakana «im Auftrag oder im Namen von Gunvor oder einer ihrer Filialen/Tochtergesellschaften handeln oder gehandelt haben», dass sie niemals das «Angebot erhalten haben, als Vermittler für die Gunvor-Gruppe zu arbeiten», und schliesslich, dass ihnen «keinerlei Vorteile» angeboten oder versprochen worden seien. Diesem Schreiben fügt Mohamed Dagdag eine Kopie seines Reisepasses bei. 

Verrechnung über Scheinfirmen 

Die Situation ist paradox: Einerseits besteht ein Dienstleistungsvertrag zwischen Vakana und Gunvor Middle East DMCC; andererseits wird in einer ordnungsgemäss unterzeichneten und an Gunvor AG gerichteten Verzichtserklärung versichert, dass Mohamed Dagdag und sein Unternehmen nie für den Konzern gearbeitet, kein Angebot erhalten und kein Geld gesehen hätten. 

Weiterhin fordert Mohamed Dagdag die Übernahme seiner Kosten, nun jedoch über Offshore-Gesellschaften, um seine Identität zu verschleiern. So stellt die in Singapur ansässige Blueco Ship Management PTE LTD am 10. Mai 2024 der Firma New Maritime DMCC einen Betrag von 25 000 US-Dollar in Rechnung, zahlbar auf ein Konto bei der Standard Chartered Bank (Hong Kong) LTD. Als Zahlungszweck ist «Commercial marketing and Logistic Services» von Januar bis März 2024 vermerkt. 

Doch es geht nicht vorwärts. Ende Mai 2024 beschwert sich Mohamed Dagdag in einem E-Mail-Austausch, den Public Eye einsehen konnte, beim Chef von New Maritime darüber, dass er eine versprochene Zahlung nicht erhalten habe. Am 6. Juni 2024 schickt er diesem in sechs Anhängen Rechnungen, auf denen die Namen verschiedener Unternehmen, darunter Blueco, aufgeführt sind. 

Nach Informationen von Public Eye soll er über diesen undurchsichtigen Mechanismus knapp 70 000 Dollar erhalten haben. 

Der Brief eines Genfer Anwalts 

Doch der Berater gibt sich mit diesen bescheidenen Beträgen nicht zufrieden. Nach Unterzeichnung des Öldeals in Gabun macht er gegenüber Guillaume Letessier, seinem wichtigsten Ansprechpartner bei Gunvor, Forderungen in Millionenhöhe geltend. Trotz der Verzichtserklärung vom 5. April 2024 verbreitet er drei Monate später eine Medienmitteilung, in der die Rolle von Vakana beim Geschäft mit Gabun hervorgehoben und mit zwei Fotos illustriert wird. Die Publikation ist auf seinem LinkedIn-Profil abrufbar. 

Auf seinem Linkedin-Profil hebt Mohammed Dagdag in diesem im Juli 2025 publizierten Post, der die Pressemitteilung von Vakana wiedergibt, seine Schlüsselrolle hervor. Auf dem Foto von links nach rechts: Guillaume Letessier, Mohamed Dagdag, Pierre Claver Maganga Moussavou und der gabunische Präsident Brice Clotaire Oligui Nguema.

Mittlerweile hat Mohamed Dagdag einen Genfer Anwalt eingeschaltet. Am 20. November 2024 schreibt dieser an die private E-Mail-Adresse von Guillaume Letessier: «Meine Mandanten [Anm. d. Red.: die Firma VAKANA Investment in Commercial Enterprises & Management CO. L.L.C und ihr Vertreter Mohamed Dagdag] teilen mir mit, dass sie im Zusammenhang mit dem Erwerb des Erdölproduzenten ‘Assala’ gegenüber Gunvor Vergütungsansprüche geltend machen; sie verfügen über ein solides und gut dokumentiertes Dossier, das hauptsächlich aus WhatsApp-Nachrichten, Sprachnachrichten und Zeugenaussagen besteht.» In dem Schreiben wird in Aussicht gestellt, man werde sich möglicherweise direkt «an das Gunvor-Team in Genf» wenden, insbesondere an Torbjörn Törnqvist und Stéphane Degenne, sowie an die «zuständigen Justizbehörden». 

Panik bei Gunvor 

Nach Informationen von Public Eye soll Stéphane Degenne von diesem Schreiben in Kenntnis gesetzt worden sein und seinem Untergebenen geraten haben, die Compliance-Abteilung nicht zu informieren und den französisch-marokkanischen Geschäftsmann mit Unterstützung des gabunischen Präsidenten abzuweisen. Umso mehr, als noch zwei weitere Mittelsmänner mit zweifelhaftem Hintergrund Ansprüche geltend machten, wie Africa Intelligence enthüllte. Diese beiden geben jedoch bald auf, im Gegensatz zu Mohamed Dagdag. Im Januar 2025 bringt dessen eingangs erwähnte «Zahlungsaufforderung» die Lage zum Eskalieren. 

Nun sieht sich Stéphane Degenne gezwungen, Alarm zu schlagen. Der Fall wird an die Compliance-Abteilung sowie an Jean-Baptiste Leclercq, Leiter der Rechtsabteilung, weitergeleitet. Der seit 2011 bei Gunvor tätige Chefjurist ist für das Konzernprogramm «Recht, Compliance und Ethik» zuständig und, überstand die beiden bisherigen Korruptionsskandale unbeschadet. Zugleich ist er Verwaltungsratspräsident und Geschäftsführer der Firma Clearlake SA, der Genfer Niederlassung von Clearlake Shipping, die mit dem Dienstleister New Maritime zusammenarbeitet. 

Es wird eine interne Prüfung eingeleitet, die klären soll, ob es beim Gabun-Deal zu Korruption gekommen ist. Anfang Februar 2025 wird Guillaume Letessier entlassen. Ende März gibt sein Vorgesetzter Stéphane Degenne bekannt, sich vorzeitig pensionieren zu lassen. Ein unerwarteter Schritt für den erst 56-Jährigen, der seit 2007 eine zentrale Rolle bei Gunvor spielte. Sein Name war im Fall von Kongo und von Ecuador aufgetaucht, aber ohne, dass er von der Justiz belangt wurde. Die Leiterin der Abteilung für strukturierte Finanzierungen, welche am Gabun-Geschäft mitgearbeitet hatte, reicht im Juni 2025 ebenfalls ihre Kündigung ein. Und im Juli wird schliesslich die Gunvor Middle East DMCC praktisch aufgelöst, denn die gesamte Führungsriege hatte gekündigt.  

Zur gleichen Zeit verlassen etwa zehn Personen, die nichts mit dem Fall in Gabun zu tun haben, den Rohstoffriesen. Dessen Kommunikationsabteilung spricht von einem «Generationswechsel». 

© Keystone / Martial Trezzini

Parallele Vergütungsstruktur für Mittelsmänner? 

Bei der Geschäftsleitung von Gunvor herrscht grosse Unruhe. Denn über den Fall Gabun hinaus geht es möglicherweise um eine systematische Umgehung von Compliance-Vorschriften, die nun ans Licht kommen könnte. 

Gemäss Public Eye vorliegenden Informationen soll die Firma New Maritime in den letzten Jahren nämlich zur Bezahlung weiterer Mittelsmänner oder Handelsvertreter genutzt worden sein, die im Hintergrund für Gunvor tätig waren. Mehrere Quellen haben Public Eye beschrieben, wie dieses System funktionieren soll: New Maritime soll Clearlake Shipping – die Schifffahrtstocher von Gunvor – Entladekosten in einem bestimmten Hafen in Rechnung gestellt haben. Von den künstlich aufgeblasenen Kosten soll die Differenz vom Seefrachtdienstleister New Maritime einbehalten worden sein, um diverse Rechnungen für Gunvor zu begleichen. 

So soll Gunvor in Kamerun die Dienste eines lokalen Mittelsmannes genutzt haben, um den Zuschlag bei Ausschreibungen für grosse Benzinmengen zu bekommen. Im Herbst 2023 stellte das in Dubai registrierte Unternehmen Goods Services and Consulting FZCO, welches der Vermittler benutzte, der Firma New Maritime DMCC 25 500 Euro für Beratungshonorare («Consultancy Fees») in Rechnung, zahlbar an die WIO Bank in Abu Dhabi. Am 11. September 2023 wurde dieser Betrag seinem Konto gutschrieben. Die Zahlung erfolgte vom Schweizer UBS-Konto der New Maritime DMCC. 

Als Public Eye diesen Mann, von dem nur der Vorname bekannt ist, telefonisch erreichte, bestätigte er, damals für Gunvor tätig und mit Stéphane Degenne und Guillaume Letessier in Kontakt gewesen zu sein. Nach Fragen zu New Maritime brach er das Gespräch jedoch ab und ist seitdem nicht mehr erreichbar. Wir haben ihm eine Liste mit Fragen geschickt, die er nicht beantwortet hat.

Bis März 2025 arbeitete Gunvor zudem mit einem südafrikanischen Mittelsmann zusammen, dessen Identität Public Eye kennt. In einer E-Mail an Gunvor vom Frühjahr 2025 beklagt sich dieser über den Ausschluss von einem wichtigen Projekt. Er verweist auf seine «langjährige Beziehung zu Gunvor über verschiedene Unternehmen in den letzten acht Jahren», welche 2017 geknüpft wurde. Gemäss Informationen von Public Eye soll auch dieser Mann über New Maritime bezahlt worden sein. Er hat auf diverse Anfragen nicht reagiert. 

Solche Praktiken stellen die Ernsthaftigkeit des Engagements im Bereich Anti-Korruption jenes Konzerns in Frage, der dafür bereits zweimal von der Justiz verurteilt wurde. Und dem in der Schweiz möglicherweise ein drittes Verfahren droht.

Kann man wirklich noch von «Gunvor 2.0» sprechen?

Public Eye hat Gunvor eine Liste mit detaillierten Fragen zukommen lassen. Das Unternehmen hat uns die folgende Antwort zukommen lassen, die wir hier vollständig wiedergeben: «Aufgrund von Vertraulichkeitsverpflichtungen und der knappen Zeit, die uns zur Prüfung Ihrer Anfrage zur Verfügung steht, ist Gunvor nicht in der Lage, Ihre Fragen zu beantworten. Es sei jedoch darauf hingewiesen, dass einige Ihrer Aussagen falsche Informationen enthalten. Wir möchten daran erinnern, dass Gunvor im November 2020 die Zusammenarbeit mit Geschäftsvermittlern eingestellt hat und diese Richtlinie seitdem im Rahmen seines Compliance-Systems strikt umsetzt. Nach einer eingehenden internen Untersuchung bestätigt Gunvor, dass die Assala-Transaktion unter Einhaltung strengster Compliance-Standards durchgeführt wurde. Alle Rechte vorbehalten.» 

Guillaume Letessier antwortete auf unsere Anfrage, er wolle sich zu «diesem Thema nicht äussern». Sein ehemaliger Vorgesetzter, Stéphane Degenne, hat gar nicht reagiert.

Auf die Frage nach seiner Rolle hat uns Mohamed Dagdag folgende Antwort zukommen lassen: «Ich wurde von Gunvor Middle East DMCC beauftragt, das Unternehmen im Rahmen des Assala-Projekts in Gabun zu begleiten, mit dem Auftrag, es in technischen, kommerziellen und finanziellen Belangen zu beraten. Die in Ihren Fragen erwähnte Verzichtserklärung wurde vollständig von Gunvor DMCC initiiert. Ich wurde aufgefordert, es zu unterzeichnen, um gemäss den Vertragsbedingungen vergütet zu werden. Ich betrachte mich heute als Opfer, und mein Unternehmen wurde in dieser Angelegenheit in vollem Umfang geschädigt. Ein Gerichtsverfahren ist anhängig, und ich beabsichtige, meine Rechte vor den zuständigen Gerichten in vollem Umfang geltend zu machen. Auf Anraten meiner Anwälte, die mich auf die Vertraulichkeitsklausel des mit Gunvor unterzeichneten «Framework Agreement» hinweisen, und angesichts des laufenden Verfahrens werde ich keine weiteren Kommentare abgeben.» 

Der ehemalige Vizepräsident Pierre-Claver Maganga Moussavou antwortete uns: «Meine Rolle endete, sobald ich Gunvor mit dem gabunischen Staat in Kontakt gebracht und mich vergewissert hatte, dass alles in Ordnung war. Ich habe keinerlei Vergütung erhalten». 

Der Geschäftsführer der New Maritime Group hat unsere Fragen nicht beantwortet.