Prometheus, Glanz und Geschäfte

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Ob in Wärme umgewandelt, in Bewegung umgesetzt oder für die Hochöfen der Industrie genutzt – Kohle hat den Menschen die Energie von tausend Sonnen geschenkt, die über die Jahrhunderte hinweg vergraben waren. Im Gegenzug haben ihre menschlichen und umweltbezogenen Kosten unsere Gesell­schaften dauerhaft geprägt. Auch wenn sie nicht mehr den besten Ruf geniesst, gelingt der Kohle – ganz unscheinbar – ein grosses Revival.

Kohle existiert nicht. Zwischen den Holzbriketts für den sonntäglichen Grillspass, der in Hochöfen verwendeten Kokskohle (mineralischer Natur) und dem Torf bezeichnet der Volksmund so unterschiedliche Realitäten mit demselben Wort, dass man nur schwer begreifen kann, was sie vereint. Das ist das Paradoxe: Kohle ist sowohl die älteste fossile Energiequelle als auch ein soziales und wirtschaftliches Konstrukt, für das es keine strenge und wissenschaftliche Definition gibt.1 Ebenso fehlt eine echte handelsübliche Standardisierung ihrer Form und Qualität.

Kohle entstand durch die Zersetzung tropischer Pflanzen, die in den feuchtwarmen Gebieten der Erde wuchsen. Während der industriellen Revolution in England (1760–1913) erwarb sie sich den Übernamen «buried sunshine». Also ein «Sonnenscheinkonzentrat», das über Dutzende von Millionen Jahren unter der Erde vergraben lag und genug Energie enthält, um unseren Planeten dauerhaft zu verändern. Der Versuch, diese Energiequelle zu kontrollieren, führte zur ersten Welle der Globalisierung, zur europäischen Kolonialisierung und zum Zeitalter des Anthropozäns – dem geologischen Zeitalter, in dem der Mensch zum Hauptakteur geworden ist, der seine Umwelt langfristig beeinflussen kann.

Für die vorliegende Studie verwenden wir den Begriff Kohle als eine Familie von brennbaren Sedimentgesteinen, die aus Pflanzen entstanden sind. Von Braunkohle bis Anthrazit gibt es unzählige Sorten von Kohle, je nach dem Gehalt an Kohlenstoff (ihrem Heizwert) und flüchtigen Stoffen (CO₂, Methan und andere Kohlenwasserstoffe), die bei der Verbrennung freigesetzt werden. Grundsätzlich gilt: Je älter die Kohle und je tiefer sie vergraben ist, desto höher ist ihr Heizwert.2 Der Kohlenstoffgehalt von Anthrazit (90%) ist zum Beispiel wesentlich höher als der von Braunkohle, dem marktüblichen Einstiegsprodukt dieser Gesteinsart.

Es gibt zwei Hauptkategorien für die Verwendung von Kohle:

  1. Kraftwerkskohle (thermische Kohle) ist für Kohlekraft­werke bestimmt, um in Strom umgewandelt zu werden. Dies macht etwa 70% der Nutzung aus.
  2. Metallurgische Kohle (Kokskohle) ist für die Beheizung von Hochöfen, hauptsächlich in Stahlwerken, bestimmt (ca. 15%). Der Rest wird auf die Zement-, Papier- und Keramikindustrie verteilt.
Kohle entstand über Millionen Jahre aus abgestorbenen Pflanzen, die von Erdschichten bedeckt grossem Druck und Hitze ausgesetzt waren. Zuerst entstand Torf, danach Braunkohle, dann Steinkohle und schliesslich Anthrazit (oder Graphit). Anthrazit ist aufgrund des hohen Gehalts an Kohlenstoff der beste Brennstoff.

Das vorprogrammierte Schicksal

Kohle kommt aus unserem Erdboden, hat einen viel höheren Heizwert als Holz und brennt besser und länger. Kohle bringt die Sonne der Tropen in den hohen Norden, schmilzt Stahl und verwandelt Wärme in Bewegung. Sie verschaffte Grossbritannien die Herrschaft über den Stahl und die Meere und verhalf dem Staat zu einem Vorsprung von mindestens einem halben Jahrhundert in der industriellen Revolution. Das war mehr als genug, um zur Überzeugung zu gelangen, dass die Nation eine offensichtliche Bestimmung als Weltmacht hatte3. Die Gebiete mit grossen Kohlevorkommen sahen darin schnell ein Geschenk göttlicher Fügung. Sie boten einer Gruppe sorgfältig ausgewählter Völker die Energie von Millionen Sonnenjahren an, die für ihren zukünftigen Bedarf gespeichert war. Diese konzentrierte Energie ist seither eng mit dem Begriff der Zivilisation verbunden. Doch diese Macht hat auch ihren Preis.

Im Jahr 1860 produzierte England allein mehr Kohle als der Rest der Welt. Mit seinen 3 Millionen Einwohner*innen war London die grösste Stadt auf der Erde, das Herz des britischen Imperiums und der Schnittpunkt der Kulturen. Doch der Russ tauchte die Strassen der Hauptstadt häufig tagelang in Dunkelheit.4 Diese «Finsternis, die man mit Händen greifen kann» – so ein Ausdruck aus der Tageszeitung «The Times» von damals – führte zu einer gesundheitlichen Tragödie, insbesondere unter Kindern.

1886 wurden in den USA, mittlerweile zur neuen Kohlegrossmacht aufgestiegen, in der Bergbauregion Cincinnati schätzungsweise 31% der Todesfälle auf Lungenkrankheiten zurückgeführt: Tuberkulose, Lungenentzündung und Bronchitis.5 Bei der Verbrennung von Kohle wird mehr CO₂ freigesetzt als bei anderen fossilen Energieträgern, nämlich doppelt so viel wie bei Erdgas und ein Drittel mehr als bei Erdöl.6 Das ist der Preis des Russes.

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Die Kohlegrossmacht USA setzte im Abbau des Rohstoffs um 1900 auch auf Kinderarbeit: Jugendliche Arbeiter in den Woodward Coal Mines, Kingston, Pennsylvania.

Jahrzehntelang wurde Kohle in der kollektiven Erinnerung mit Dickens‘schen Bildern von zerlumpten, russbedeckten Kindern in Verbindung gebracht, die um ein Stück Brot betteln oder auf der Suche nach einem Stück Kohle, das von einem Waggon heruntergefallen ist, den Gleisen entlangschlurfen. Es erinnert an die Schrecken des 19. Jahrhunderts und die gesellschaftlichen Kosten der industriellen Revolution.

Kohle ist «nicht sexy»

«Die ganze Welt ist heiss auf Kohle», verkündete Ivan Glasenberg7 zwei Jahrhunderte später. Dem ehemaligen CEO von Glencore kommt zugute, dass er immer an das Revival von König Kohle geglaubt hatte. Er war es, der den Zuger Riesen in den 1990er-Jahren dazu brachte, sich in einen Wettlauf um den Erwerb von Kohleminen zu stürzen. Die Zeit gab ihm Recht: Kohle wird 2022 dreimal so teuer wie im Vorjahr gehandelt. Mit seinen 26 Kohleminen und seiner starken Marktposition unterzeichnete Glencore diesen Sommer einen rekordverdächtigen Jahresvertrag mit einem Kohlekraftwerk in Japan. Der Preis: 375 US-Dollar pro Tonne. Die Verhandlungen zwischen dem Zuger Konzern – dessen Produktion in der ersten Jahreshälfte 2022 um 14% gestiegen ist – und seinen japanischen Kunden wurden von der gesamten Branche genau beobachtet, die die erzielten Preise als Referenz für das kommende Jahr betrachtet.

Ein Grund, sich in Zug stolz aufzuspielen. Ivan Glasenberg versäumte schon früher keine Gelegenheit, vor den Medien und Aktionär*innen die Vorzüge des Sedimentgesteins zu betonen. Im Februar 2019 musste Glencore jedoch unter Druck einer Investorengruppe, die sich für Umweltbelange einsetzt, ein Einfrieren seiner Kohleproduktion auf 150 Millionen Tonnen pro Jahr ankündigen. Seitdem wirbt Glencore in der Öffentlichkeit nicht mehr für Kohle, sondern schwärmt an den Haltestellen und Bahnhöfen des Öffentlichen Verkehrs der Schweiz lieber von Kobalt und Kupfer, zwei Grundpfeilern der Energiewende.

Als weltgrösster Exporteur von Kohle mit seinem Beitrag «zur Senkung der Emissionen» werben – kann man machen... In den Bahnhöfen und Zügen der Schweiz hat der Rohstoffriese Glencore keine Angst mehr vor Widersprüchen.

Selbst auf dem Rohstoffgipfel «FT Global Commodities Summit» in Lausanne scheinen die Kohlehändler eine Sonderstellung am Rande einzunehmen. «Kohle ist nicht sexy, sie macht die Hände schmutzig. Ein Produkt, das wenig Wertschöpfung erfordert», meint Lars Schernikau. Der Ostdeutsche, der seit etwa 20 Jahren in der Schweiz lebt, hat eines der wenigen akademischen Bücher über den Kohlemarkt geschrieben.8 Gleichzeitig ist er selbst in der Vermarktung aktiv, seit er die Leitung des Handelsunternehmens seines Vaters übernommen hat. «Vor 30 Jahren habe sogar ich mich gefragt, wer überhaupt noch Kohle braucht», gesteht er. Niemand schenkte dieser Energie noch Beachtung. Inzwischen hat die Kohle unsere Aufmerksamkeit weitgehend zurückgewonnen.


  1. Charles-François Mathis, «La civilisation du charbon», Ed. Vendémiaire, 2021, Seiten 26-27.
  2. Fastenaktion, «Kohleland Schweiz», Juli 2019, Seite 5.
  3. Barbara Freese, «Coal, A Human History», Ed. Arrow Books, 2003, Seiten 6-7, 64-5, 100-101.
  4. Barbara Freese, «Coal, A Human History», Ed. Arrow Books, 2003, Seite 96.
  5. Barbara Freese, «Coal, A Human History», Ed. Arrow Books, 2003, Seiten 152-3.
  6. Barbara Freese, «Coal, A Human History», Ed. Arrow Books, 2003, Seite 184.
  7. Coal Week International, «The World is Hungry for Coal, Glencore says», August 2011, zitiert in Javier Blas & Jack Farchy, «The World for Sale», Ed. Random House UK, 2021, Seite 188.
  8. Lars Schernikau, «Economics of the International Coal Trade – Why Coal Continues to Power the World», Ed. Springer, 2016 (zweite Ausgabe).

Stopp Kohle Kein Handel mit klimaschädlicher Kohle in der Schweiz