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Afrika ist besser als irgendeine andere Weltregion zur Illustration jener Phänomene geeignet, für die sich in der wissenschaftlichen und politischen Debatte der Begriff «Rohstoff-Fluch» eingebürgert hat. Die Kernfrage dabei lautet: Warum verharren Länder, die reich an mineralischen und fossilen Ressourcen sind, dennoch in bitterer Armut? Dies gilt zwar keineswegs für alle Länder, der Rohstoff-Fluch ist folglich kein unabwendbares Schicksal.

Rohstoffabhängige Länder wie Botswana, Kanada, Indonesien, Norwegen oder Oman nutzen ihren natürlichen Reichtum umsichtig. Und auch in Afrika ist das durchschnittliche Wachstum der rohstoffreichen Länder höher als jenes der rohstoffarmen. Trotzdem ist unbestritten, dass rohstoffreiche Länder stärker wachsen könnten und müssten, als es tatsächlich der Fall ist.

Noch deutlicher wird das Problem, wenn statt Wachstumszahlen Entwicklungsindikatoren betrachtet werden. So sind 12 von 25 Ländern mit der weltweit höchsten Kindersterblichkeit rohstoffreiche afrikanische Länder. In Nigeria oder Angola etwa nahm die Armut trotz vom Ölboom getriebener Wachstumsraten signifikant zu. Und Äquatorialguinea liegt in Bezug auf das BIP pro Kopf weltweit zwar an 45. Stelle, auf dem UNO-Index der menschlichen Entwicklung hingegen belegt das Land nur Rang 136 (von 187).

 

Die Erklärung für das Auseinanderklaffen von Wirtschaftswachstum und menschlicher Entwicklung in rohstoffreichen Entwicklungsländern liegt in einer extrem ungleichen Einkommensverteilung. Angola ist dafür das Paradebeispiel: Trotz zehnjährigem Erdölboom lebt die Hälfte der Bevölkerung immer noch unter der Armutsgrenze von 1,25 Dollar pro Tag. Gleichzeitig wurde die Tochter des angolanischen Präsidenten, Isabel dos Santos, 2013 als erste afrikanische Frau auf der Forbes-Milliardärsliste geführt.
Der von Ex-UNO-Generalsekretär Kofi Annan mitherausgegebene «Africa Progress Report» sieht drei Hauptgründe für die anhaltende Armut in rohstoffreichen afrikanischen Ländern:

  • Staatliche Ausgaben und Investitionen fliessen nicht in die Armutsbekämpfung.
  • Mangelnde Einbettung des Rohstoffsektors in die nationale Wirtschaft: Dieser schafft zwar Wachstum, aber kaum Arbeitsplätze.
  • Fehlender «Fair Share» am staatlichen Rohstoffreichtum: «Wie gut Regierungen in der Lage sind, einen fairen Teil der Rohstoff-Exporteinnahmen für den öffentlichen Haushalt zu sichern, hängt von der Effizienz des Steuersystems und dem Verhalten der Investoren ab. Viele Länder (…) verlieren Einnahmen durch eine unzureichende Verwaltung von Konzessionen, aggressive Steuervermeidung, Steuerhinterziehung und korrupte Praktiken.»

Auch der Bundesrat erkennt die Problematik des Rohstoff-Fluchs. So schreibt er in seinem Transparenzbericht vom Juni 2014: «Rohstoffe werden oft in Ländern abgebaut, die über schlecht funktionierende staatliche Strukturen verfügen. Vor diesem Hintergrund besteht bei der Rohstoffextraktion bzw. beim Handel mit Rohstoffen regelmässig ein Risiko, dass die an die jeweiligen Regierungen geleisteten Zahlungen – wie etwa Steuern, Nutzungsabgaben oder weitere bedeutende Ausgaben – aufgrund von Misswirtschaft, Korruption und Steuerflucht versickern oder zur Konfliktfinanzierung missbraucht werden. In der Folge profitiert die Bevölkerung kaum vom Rohstoffreichtum ihres Landes und verbleibt in Armut, was als sogenannter «Rohstofffluch» bezeichnet wird.»

Rohstoffe als grosse (und häufig einzige) Entwicklungschance

Die Bedeutung der Rohstoff-Förderung für Entwicklungsländer und damit das Ausmass des Rohstoff-Fluchs hat in den vergangenen Jahren dramatisch zugenommen. 2011 war die Wirtschaft bei 81 Ländern rohstoffgetrieben, 1995 waren es erst 58 gewesen. Die neu hinzugekommenen sind zum grössten Teil Entwicklungsländer, darunter die Demokratische Republik Kongo und Sambia mit Kupfer, Angola und Äquatorialguinea mit Öl, Mosambik und Tansania mit Gas sowie Guinea und Sierra Leone mit Eisenerz. 69 Prozent der von extremer Armut betroffenen Menschen leben heute in rohstoffreichen Entwicklungsländern. Zugleich befindet sich die Hälfte aller bekannten Erz-, Öl- und Gasreserven in diesen Staaten. Käme dieser Reichtum effektiv der Bevölkerung zugute, könnte die extreme Armut weltweit bis 2030 fast halbiert werden und gegen 540 Millionen Menschen könnten den Weg aus der Armut finden.

Die (mangelnde) Verantwortung der Förder- und der Handelsfirmen

Die fehlende Abschöpfung des Rohstoffreichtums in den Förderländern ist gemäss dem «Africa Progress Report» direkt mit dem Verhalten der Rohstoffunternehmen verknüpft. Ohne eine gerechtere Verteilung der Rohstofferträge zwischen den Förderländern und den zumeist ausländischen Firmen gibt es also keine Milderung des Rohstoff-Fluchs. Auch der Oxford-Professor und Berater der britischen Regierung Paul Collier betont die Verantwortung der Unternehmen: «Im Unterschied zu rein produktiven Aktivitäten schafft die Rohstoff-Förderung sowohl Renten als auch Profite, wenn in sich werthaltige Stoffe aus dem Boden geholt werden. (…) Spektakuläre Profite von Rohstoffunternehmen sind deshalb höchstwahrscheinlich Rentenabschöpfung: Unternehmen eignen sich die Ressourcen von armen Menschen an. Dieses Verhalten demonstriert nicht einen ausserordentlich hohen Geschäftssinn, sondern eine ausserordentlich geringe Unternehmensethik.»

Gemäss dem «Economic Outlook» der Afrikanischen Entwicklungsbank sollten Bergbauländer bis 60 Prozent ihrer Rohstoffrenten abschöpfen können. Für die allermeisten Staaten würde dies eine dramatische Steigerung ihres Anteils bedeuten. So betrug die Rente aus der Kupferförderung in Sambia lediglich 12 Prozent (2008), in Tansania (Gold, 2009) sogar nur 10,2 Prozent.