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Die Realität hinter Schuhen «Made in Europe»

© Davide Del Giudice Arbeiten für weniger als den Existenzlohn: Eine Schuhfabrik in Albanien

«Made in Europe» – das klingt besser als «Made in China». Doch was steckt wirklich dahinter? Unsere neueste, mit einem internationalen NGO-Kollektiv erarbeitete Recherche zeigt: In Schuhfabriken im Osten Europas schuften zehntausende Arbeiterinnen unter unmenschlichen Bedingungen –­ und oft zu noch tieferen Löhnen als Arbeiterinnen in China.

Bis ein «italienischer» Lederschuh in den Geschäftsregalen steht, haben meist Dutzende Menschen in mehreren Ländern und Kontinenten Hand an ihn angelegt. Am Anfang steht das Rind. Die USA und Brasilien sind die grössten Hersteller von Rohleder aus Kuhhäuten. Die Lederindustrie zeichnet von sich gerne das Bild eines Restverwerters, der die Häute der Rinder nutzt, die wegen der Fleischproduktion sowieso getötet würden. Doch das ist nicht die ganze Wahrheit. Ein beträchtlicher Teil des Erlöses der Viehzucht wird durch den Verkauf der Häute erzielt, er ist Teil des Geschäftsmodells. Die brasilianische Firma JBS etwa, einer der grössten Fleischproduzenten der Welt, schlachtet 100 000 Rinder, 70 000 Schweine und 25 000 Schafe – pro Tag. JBS verkauft nicht nur das Fleisch, sondern auch das rohe oder bereits gegerbte Leder.

Unfälle, Allergien, Tumore

Schon von der Tierhaut zum Rohleder sind mehrere beschwerliche Arbeitsschritte  – entfleischen, enthaaren, beizen – nötig. Danach wird das Leder in Gerbereien weiterverarbeitet. Jenes, das für europäische Schuhe bestimmt ist, oft in Italien. Im Distrikt Santa Croce in der Toskana alleine gibt es 240 Gerbereien, in denen über 12 000 Personen arbeiten. Es ist keine schöne Arbeit: Rohleder ist schwer, schmutzig und stinkt. Kein Wunder werden zum Grossteil MigrantInnen beschäftigt, insbesondere aus dem Senegal. Und die Arbeit ist gefährlich: Unfälle sind ebenso an der Tagesordnung wie Gelenkschäden wegen des Hebens der schweren Häute und Allergien oder gar Tumore, ausgelöst durch den Kontakt mit chemischen Substanzen. Einer der gefährlichsten Stoffe ist Chrom. 80 Prozent allen Leders wird heute mithilfe des Mineralsalzes Chrom III gegerbt. Das Problem: Bei oder nach der Gerbung kann es zur Bildung von Chrom VI kommen – einem krebserregenden und allergenen Stoff, der nicht nur für die ArbeiterInnen und die Natur schädlich ist, sondern auch für jene, die die Schuhe später tragen.

Public Eye Unter welchen Bedingungen arbeiten die Menschen in den italienischen Gerbereien? Ausschnitt aus dem ARD mittags magazin vom 05.05.2016. Im Bericht kommen ExpertInnen des "Change Your Shoes"-Netzwerks zu Wort.

 

Doch bevor ans Tragen zu denken ist, muss das Leder nach dem Gerben erst noch gefärbt, gefettet und geglättet werden – wiederum mithilfe von viel Chemie. Danach entsteht in Hand- und Maschinenarbeit ein Schuh. Italienische Firmen stellen ihre Schuhe zum Beispiel im Distrikt Prato in der Toskana her, wo vor allem Asiatinnen und Asiaten unter prekären Bedingungen arbeiten – oder lagern die Produktion in Tieflohnländer wie Albanien, Mazedonien oder Rumänien aus.

Made in Europe = bessere Arbeitsbedingungen?

Das internationale NGO-Netzwerk Change your Shoes, das in der Schweiz von Public Eye koordiniert wird, hat 2015/2016 die bisher kaum bekannten Zustände in der europäischen Schuhproduktion unter die Lupe genommen. In sechs Ländern – den EU-Ländern Polen, Rumänien und Slowakei, den EU-Beitrittskandidaten Albanien und Mazedonien sowie in Bosnien-Herzegowina – wurden insgesamt 179 Interviews mit ArbeiterInnen geführt, die Schuhe für bekannte Marken herstellen. Mindestens ebenso viele lehnten es ab, mit uns zu sprechen: Zu gross war ihre Angst, den Job zu verlieren.

Public Eye Der ARD Montags-Check befragt Arbeiterinnen in Rumänien. Machen Sie sich ein Bild von der Schuhproduktion in Osteuropa. (25. April 2016, ARD)

 

Die Recherche von Change Your Shoes zeigt: „Made in Europe“ steht nicht per se für bessere Produktionsbedingungen als etwa jene in asiatischen Ländern. Die systemimmanenten Probleme der Bekleidungs- und Schuhindustrie – Tiefstlöhne, unbezahlte Überzeit, fehlende Arbeitssicherheit – machen keineswegs halt vor Europa. So werden sehr viele der Befragten nicht pro Stunde, sondern pro Stück bezahlt, mit der Folge, dass die ArbeiterInnen z.B. keine Handschuhe tragen, um die nötige Stückzahl zu erreichen. Um auf ihre Quote zu kommen, leisten sie ausserdem unbezahlte Überstunden; hinzu kommen giftige Chemikalien, die insbesondere beim Gerben des Leders, aber auch bei der Schuhproduktion zum Einsatz kommen. ArbeiterInnen in Albanien klagten über Kopfschmerzen, Allergien und Hautprobleme, in Rumänien beschwerten sich ArbeiterInnen über den beissenden Gestank in der Fabrik, in einer mazedonischen Produktionsstätte berichteten ArbeiterInnen von Bronchitis und anderen Lungenproblemen wegen des eingesetzten Leims.

Kaum Transparenz, kaum Verantwortung

Neben der Recherche führt das Change Your Shoes-Netzwerk auch eine Branchen-Umfrage durch. Diese zeigt: Die Schuhfirmen – auch jene aus der Schweiz – stecken noch in den Kinderschuhen, wenn es darum geht, für faire Produktionsbedingungen zu sorgen.

Public Eye hat zusammen mit  den Change Your Shoes Partnerorganisationen 28 internationale Schuhfirmen befragt, darunter acht aus der Schweiz. Wir wollten herausfinden, welche Marken wie viel tun, um eine möglichst faire Produktion ihrer Schuhe zu gewährleisten. Die Resultate sind ernüchternd. Erst einmal herrscht grosses Schweigen: Gerade einmal 14 der 28 befragten Firmen waren bereit, überhaupt bei unserer Umfrage mitzumachen. Bezüglich Transparenz ist die Schuhindustrie sogar noch weniger weit als die Kleiderbranche. Wenn es darum geht, für die Wahrung der Menschen- und Arbeitsrechte in ihren Produktionsketten Verantwortung zu übernehmen, bleibt in der Branche sehr viel zu tun. So stellt zum Beispiel gemäss den uns zur Verfügung stehenden Informationen keine einzige Firma sicher, dass alle ArbeiterInnen, die für sie Schuhe produzieren, einen Existenzlohn erhalten. Das gilt auch für jene drei Schweizer Firmen, die an unserer Umfrage teilnahmen: Bata, Manor und Migros. Die übrigen fünf befragten Schweizer Firmen – Bally, Navyboot, Pasito-Fricker, Rieker und Vögele Shoes – waren nicht einmal bereit, Auskunft zu geben.

Realität aufzeigen – und Alternativen

Praktisch alle in osteuropäischen Schuhfabriken arbeitenden Menschen und deren Familien sind von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffen. Doch bis heute sind von Seiten der grossen Schuhunternehmen kaum Signale zu sehen, dass sie daran etwas ändern wollen. Ebenso wenig von der EU, die sich eigentlich zum Ziel gesetzt hat, bis 2020 die Zahl der von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffenen oder bedrohten Menschen in EU-Ländern um mindestens 20 Millionen zu senken. Stattdessen werden osteuropäische Länder – mit Unterstützung ihrer Regierungen – durch äusserst investorenfreundliche Regelungen als Tiefpreis-Produktionsstätten etabliert.

Gemeinsam mit unseren Partnerorganisationen wollen wir aufzeigen, wie die Realitäten in den Schuhfabriken aussehen – und wie sie geändert werden kann:

  • mit existenzsichernden Löhnen für die Arbeiterinnen und Arbeiter in der Leder- und Schuhindustrie.
  • mit von für Mensch und Umwelt unschädlichen Verfahren im Gerbprozess.
  • mit einem adäquaten Gesundheitsschutz für die Angestellten in Gerbereien und in den Schuhfabriken.
  • mit aufgeklärten Konsumierenden, die Fragen stellen, wie ihre Schuhe produziert worden sind – und sich selbst fragen, ob sie tatsächlich fünf paar Schuhe pro Jahr benötigen.

Damit wir  Missstände aufdecken und Druck auf die Leder- und Schuhindustrie sowie die Politik ausüben können, führen wir gemeinsam mit unseren PartnerInnen aufwändige Recherchen und Firmenbefragungen durch, deren Ergebnisse dann in öffentlichkeitswirksamen Kampagnen umgesetzt werden.

Setzen Sie sich mit uns für eine verantwortungsvolle Schuhproduktion ein!  Werden Sie Mitglied oder unterstützen Sie unsere Arbeit mit einer Spende. Herzlichen Dank!

 

Aktiv werden rund um Schuhe

Schuhe kaufen

  • Kaufen Sie nur Schuhe, die Sie wirklich brauchen. Lassen Sie sich mit der Mehrheit Ihrer Kleidung kombinieren? Können die Schuhe repariert werden?
  • Beginnen Sie den Einkauf bei fortschrittlicheren Unternehmen.
  • Fordern Sie für Mensch und Umwelt unbedenkliche Gerbmethoden!
  • Erwägen Sie den Kauf veganer Schuhe: Es gibt immer mehr interessante Alternativen zu Leder.
  • Auch für Schuhe gibt es Second-Hand-Optionen, zum Kaufen oder Tauschen.
  • Klingt banal, ist aber wirksam: Pflegen Sie Ihre Schuhe, dann haben Sie lange Freude dran.

Fragen Sie bei den Firmen nach:

  • Woher kommt das Leder? Fordern Sie Transparenz!
  • Welches Gerbverfahren wurde angewandt? Fordern Sie sichere und umweltfreundliche Gerbmethoden!
  • Was verdienen die ArbeiterInnen in Gerbereien, Fabriken und im Einzelhandel? Fordern Sie existenzsichernde Löhne entlang der gesamten Lieferkette!

Informieren Sie sich und Teilen Sie Ihr Wissen:

  • Sensibilisieren Sie Ihr Umfeld für das Thema - wenn viele Konsumierende Transparenz, eine saubere Produktion und Existenzlöhne fordern, ändert sich etwas in der Branche!

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