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Die 10 beliebtesten Ausreden der Modefirmen

Ausrede Nr.1: Existenzlöhne sind nicht Aufgabe der Firmen, sondern der Regierungen

Natürlich sollte ein gesetzlicher Mindestlohn auf einem existenzsichernden Niveau sein. Warum ist das in der globalen Textilindustrie jedoch nicht der Fall? Unter dem internationalen Wettbewerbsdruck sehen sich Regierungen gezwungen, ihre Lohnpolitik primär investorenfreundlich zu gestalten. Sie wissen nur zu gut, dass die Gefahr der Produktionsverlagerung ins billigere Ausland droht, falls die Löhne angehoben werden: Die Textilindustrie gehört zu den mobilsten der Welt. Tiefe Löhne sind aufgrund der Einkaufs- und Produktionspraxis der Branche noch immer ein entscheidender Standortvorteil.

Multinationale Modekonzerne sitzen am Verhandlungstisch am längeren Hebel. Modekonzerne stehen daher in der Pflicht, sich zu Existenzlöhnen zu bekennen und den lokalen Regierungen zu versichern, dass sie die Produktion nicht ins Ausland verlagern, falls der Lohn auf ein existenzsicherndes Niveau angehoben wird. Es ist zudem zentral, dass Modekonzerne die ganze Lieferkette berücksichtigen und mit anderen Modefirmen zusammenarbeiten, um global einen Existenzlohn umzusetzen.

Ausrede Nr.2: Es ist unmöglich einen Existenzlohn zu bezahlen, weil es keine allgemein anerkannte Berechnungsmethode dafür gibt.

Aus Sicht der ArbeiterInnen ist diese Ausrede besonders absurd. Es ist offensichtlich, dass die Löhne nicht zum Leben reichen, das bestreiten sogar viele Firmen nicht. Bisher gab es jedoch kaum ernsthafte Versuche der Firmen, dieses drängende Problem anzupacken. Die Asia Floor Wage-Allianz, ein Zusammenschluss von gut 70 asiatischen Gewerkschaften und NGOs, hat ein breit abgestütztes Berechnungsmodell und eine klare Lohnforderung für einen Existenzlohn aufgestellt. Die Lohnhöhe basiert auf konkreten Erhebungen der Lebenshaltungskosten von TextilarbeiterInnen und ihrer Familien in Asien. Das AFW-Existenzlohnmodell wurde an zahlreichen Anlässen vorgestellt. Viele Firmen fanden diesen Ansatz interessant. Bisher nutzen jedoch erst wenige Unternehmen den AFW-Existenzlohn als Messgrösse und arbeiten auf dessen Bezahlung hin.

Auch für Osteuropa und die Türkei legt die Clean Clothes Campaign (CCC) in Zusammenarbeit mit lokalen Partnerorganisationen konkrete Lohnforderungen vor. In einem ersten, unmittelbaren Schritt sollen die Löhne auf mindestens 60% des jeweiligen nationalen Durchschnittlohns steigen, danach sollte eine stufenweise Erhöhung hin zu existenzsichernden Löhnen erfolgen.

Einen Konsens zu finden, wie Existenzlöhne berechnet werden könnten, ist möglich – leider fehlt (bisher) die Bereitschaft der beteiligten Unternehmen.

Ausrede Nr.3: Wenn die Löhne steigen, verlieren die Produktionsländer ihre Wettbewerbsfähigkeit.

Der Lohnkostenanteil für die Produktion beträgt nur gerade 0.5-3% des Endverkaufspreises. Selbst wenn der Lohn der NäherInnen verdoppelt oder verdreifacht würde, wäre ihr Anteil an den Produktionskosten immer noch sehr gering.

So lange die tiefsten Löhne jedoch den Standortentscheid bestimmen, und grosse Modekonzerne Länder gegeneinander ausspielen, ändert sich nichts. Es ist nötig, in die Ausbildung, Infrastruktur und langfristige Zusammenarbeit mit Lieferanten zu investieren, so dass Produktivität, Verlässlichkeit oder vertikal integrierte Produktionsketten zu Standortvorteilen auf dem globalen Markt werden. Lohnerhöhungen führen zudem in vielen Fällen zu direkten Qualitätssteigerungen, da ArbeiterInnen weniger oft den Arbeitsplatz wechseln, gesünder und motivierter sind, und damit auch produktiver.

Ausrede Nr.4: Unsere Firma schafft Arbeitsplätze – ohne unsere Aufträge hätten die Leute keine Arbeit und kein Einkommen.

Für viele Menschen ist die Arbeit in einer Textilfabrik die einzige Möglichkeit, Geld für sich und ihre Familien zu verdienen. Das macht sie aber auch besonders verletzlich und abhängig vom Arbeitsplatz. Die grosse Abhängigkeit darf kein Vorwand sein, um Menschen auszubeuten. ArbeiterInnen fertigen unter grossem Einsatz Produkte für die Modeindustrie, erhalten aber nicht annähernd einen fairen Anteil am Erfolg der Konzerne. TextilarbeiterInnen brauchen ihren Job – und eine faire Entwicklungschance für ein Leben jenseits der Armut.

ArbeiterInnen weltweit sind heute grosser Willkür ausgesetzt. Ihnen werden Gewerkschaftsrechte verweigert, trotz unzähliger Überstunden reicht der Lohn kaum aus, sie bekommen vielfach weder Mutterschutz noch eine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Die Arbeit in den Kleiderfabriken und Tiefstlöhne verschleissen die Menschen; sie leiden unter Mangelernährung und einer schlechten Gesundheit, sie haben keine Zeit für ihre Familie, weil sie zu viel arbeiten und erschöpft sind. Gemäss UNO-Menschenrechtserklärung (Artikel 23/3) hat jede/r, der/die arbeitet „das Recht auf gerechte und befriedigende Entlohnung, die ihnen und ihrer Familie eine der menschlichen Würde entsprechende Existenz sichert, gegebenenfalls ergänzt durch andere soziale Schutzmaßnahmen".

Ausrede Nr.5: Die Lebenshaltungskosten sind viel tiefer in den Produktionsländern, der Lohn muss daher nicht so hoch sein.

Das Preisniveau ist nicht vergleichbar, das stimmt. Die heutigen Mindestlöhne in den Produktionsländern sind aber dermassen tief, dass sie auch in den Produktionsländern kaum zum Leben reichen. Viele ArbeiterInnen erhalten zudem nicht einmal den ohnehin schon nicht ausreichenden gesetzlichen Mindestlohn.

Ein Existenzlohn sollte die Grundbedürfnisse wie Nahrung, sauberes Trinkwasser, Unterkunft, Kleider, Schule, medizinische Versorgung und Transportkosten decken. Darüber hinaus sollte genug übrig bleiben, um für grössere oder unvorhergesehene Ausgaben sparen zu können. Wir sind im Einklang mit der Menschenrechtserklärung und den ILO-Standards der Meinung, dass es jeder Arbeiterin und jedem Arbeiter zusteht, für eine Standardarbeitswoche von max. 48 Stunden soviel zu verdienen, dass der Alltag in Würde bestritten werden kann. Existenzlöhne machen also niemanden reich. Die Menschen können aber mit einem Minimum am Würde leben.

Ausrede Nr.6: Konsumierende wollen nicht mehr bezahlen für ihre Kleider.

Konsumierende haben sich an sehr tiefe Preise gewöhnt. Der Lohnkostenanteil für die Produktion macht jedoch nur gerade 0.5-3% des Endverkaufspreises aus.

Für ein T-Shirt von 10 CHF erhalten die ArbeiterInnen in der Fabrik im Durchschnitt gerade mal 5-30 Rappen (an der Produktion eines T-Shirts sind viele Menschen beteiligt, die 5-30 Rappen beziehen sich daher nicht einmal auf den Lohn einer Einzelperson). Eine Verdoppelung der Lohnkosten in der Produktion würde nur zu marginalen Mehrkosten führen, die problemlos von den Modeunternehmen getragen werden könnten, da sie selbst meist Milliardengewinne erwirtschaften. Selbst wenn die Mehrkosten direkt an die Konsumierenden weitergegeben würden, wäre der Betrag so klein, dass deswegen niemand in der Schweiz aufhören würde, sich ein T-Shirt oder eine Hose leisten zu können.

Ausrede Nr.7: Wir halten in unserem Verhaltenskodex fest, dass wir einen fairen Lohn bezahlen.

Ein Verhaltenskodex auf der Website führt noch nicht zu einem Existenzlohn in den Fabriken. Zwar ist es wichtig, dass ein Unternehmen im Verhaltenskodex klar das Recht auf einen Existenzlohn für alle ArbeiterInnen verankert. Damit das kein leeres Versprechen bleibt, braucht es aber umfassende Umsetzungs- und Kontrollmassnahmen, die idealerweise im Verbund mit anderen Firmen, Gewerkschaften und NGO angegangen werden. Es reicht zudem nicht, einen „fairen“ Lohn bezahlen zu wollen. Es ist nötig, dass Firmen transparent machen, an welchem Richtwert sich die Firma orientiert, und wie die Firma einen Existenzlohn berechnet. Zudem muss klar kommuniziert werden, wie dieses Ziel erreicht werden soll.

Ausrede Nr.8: Wir können keine höheren Löhne bezahlen – die globale Wirtschaftskrise hat uns schwer getroffen.

Obwohl wir anerkennen, dass Wirtschaftskrisen einen Einfluss auf die Bilanzen von Modekonzernen haben können, ist klar: Das Recht auf einen Existenzlohn ist keine optionale Investition oder ein zusätzliches CSR-Programm, das Firmen nur in guten Zeiten anpacken können.

Artikel 23 Absatz 3 der Menschenrechtserklärung hält fest: Alle, die arbeiten, haben das Recht „auf gerechte und befriedigende Entlohnung, die ihnen und ihrer Familie eine der menschlichen Würde entsprechende Existenz sichert, gegebenenfalls ergänzt durch andere soziale Schutzmaßnahmen.“

Firmen stehen, wie auch die UNO-Leitlinien für Wirtschaft und Menschenrechte festhalten, in der Pflicht, Menschenrechte zu respektieren. Ein Existenzlohn ist weder eine Gefälligkeit noch ein Privileg, sondern überlebensnotwendig für alle, auch die ArbeiterInnen in den Kleiderfabriken.

Ausrede Nr.9: Wenn wir die Löhne erhöhen, locken wir besser qualifizierte Personen wie KrankenpflegerInnen oder LehrerInnen an, die dann in den Fabriken arbeiten, weil sie dort mehr verdienen als im Spital oder an der Schule. Das zerstört das Bildungs- und Gesundheitssystem vor Ort.

Dieses Szenario scheint auf den ersten Blick möglich, doch werden die negativen Auswirkungen von Lohnerhöhung im Textilsektor überschätzt.

Wenn Löhne in den Fabriken ansteigen, ist es wahrscheinlich, dass der öffentliche Sektor nachzieht und ebenfalls die Löhne erhöht. Dank höherer Löhne fliessen mehr Mittel in die lokale Wirtschaft, womit weitere Investitionen ermöglicht werden und vielen die Perspektive auf ein Leben jenseits der Armut eröffnet wird. So wie die globale Textilindustrie heute funktioniert, bringt sie in den Produktionsländern nicht den erhofften Fortschritt für viele, sondern zementiert deren Armut.

Ausrede Nr.10: Unsere AktionärInnen sind nicht gewillt, einen Existenzlohn zu finanzieren.

John Ruggie, UNO-Sonderbeauftragter, hält in den „Leitlinien für Wirtschaft und Menschenrechte“ fest, dass Unternehmen verpflichtet sind, Menschenrechte zu respektieren.

Es braucht daher einen Paradigmenwechsel in der Wirtschaft. Es geht nicht an, dass Firmen und ihre AktionärInnen Menschenrechte missachten. Existenzlöhne sind ein Menschenrecht – dieses steht allen zu, insbesondere jenen ArbeiterInnen, die Produkte herstellen und damit die Grundlage für Gewinne von Modekonzernen liefern.